Inhalt: Imkern in Wien - von Janscha bis heute
Die Wiener Imker können auf eine lange Tradition verweisen. Es ist anzunehmen, dass in den bäuerlichen Ortsteilen des heutigen Bundeslandes Wien, wie überall, seit alters her Bienen gehalten wurden. Besonders dort, wo Klöster die Grundherren gewesen sind, war auch Wachs als Grundabgabe (Zehent) vorgesehen. Honig hatte als praktisch einziges Süßungsmittel bis zum Import von Rohrzucker aus Übersee auch große wirtschaftliche Bedeutung. Maria Theresia – als große Förderin von zusätzlichen Nutzungen in der Landwirtschaft – berief 1769 Anton Janscha als ersten Lehrer an die Wiener Imkerschule im Augarten, um hier die Bienenwirtschaft lehren zu lassen. Anton Janscha kam 1766 mit seinen beiden Brüdern aus Slowenien nach Wien, um an der ebenfalls von Maria Theresia neu gegründeten Kupferstecher- und Zeichenschule (heute die Akademie der bildenden Künste) sich weiterzubilden. Damals konnte er weder Deutsch noch schreiben, doch erlernte er dies rasch. Von zu Hause – dort betreute er schon über 100 Bienenvölker im den sogenannten Bauernkasterln, deren Stirnbretter nach alter krainischer Tradition mit Motiven aus dem Bauernleben bemalen waren – nahm er nach Wien auch einige Völker mit und war damit mit der Bienenzucht bestens betraut. War am Anfang nur der Hofstaat unter Maria Theresia seine Zuhörer, so kamen bald auch aus dem Ausland Teilnehmer für seinen Unterricht; des Weiteren unternahm er bereits Wanderreisen in die Provinz. Viele bisher unbekannte Vorgänge im Bienenvolk konnte er ergründen und lehren. Leider verstarb Janscha bereits im Jahre 1773, doch er hinterließ ein erfolgreiches Lehrbuch (dieses wurde 1922 in slowenischer Sprache nochmals herausgeben) und die Grundlagen für das Bienengesetz von Maria Theresia von 1775. Teile dieses Gesetzes finden sich noch heute in einzelnen Passagen des geltenden Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches. Dabei denken wir alle an das alte Recht der Imker, welches sie vor dem Hausfriedensbruch schützt: Sie dürfen ihren Schwärmen auch auf fremden Grund nacheilen um sie wieder einzufangen.
Seine Nachfolger hielten die Tradition der Aus- und Weiterbildung über die Funktion der Wanderlehrer bei, so dass es heute noch Bienenlehrer und eine Imkerschule im Wiener Donaupark gibt. Baron von Ehrenfels war Anfang des 19. Jahrhunderts mit seinen Musterständen in Wien und Niederösterreich als Vorbild sehr bekannt, doch seine Stabilbetriebsweise (Strohkorb) wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem aus Deutschland kommenden Mobilbau verdrängt. Schon damals war zwar die Magazinbauweise bekannt, doch einige Tüftler schufen daraus in Anlehnung an die alten Rauffangkehrerstöcke die Hinterbehandler, wobei der Wiener Vereinsstock sehr weit verbreitet war.
Sehr bekannt war auch die Imkerschule im Wiener Prater, die um 1900 gegründet wurde und vom Imkermeister Stummvoll – der den Österreichischen Breitwabenstock geschaffen hat – geleitet wurde. An diesem Standort befand sich auch das damals größte Bienenzuchtmuseum Europas, doch beides ist 1937 mit dem Brand der Rotunde verloren gegangen. Nach der Trennung Wiens von Niederösterreich wurde 1925 ein eigener Landesverband für Bienenzucht in Wien gegründet und bereits ein Jahr vorher mit dem Österreichischen Imkerbund ein zentraler Bundesverband geschaffen. Mit dem Institut für Bienenkunde, das 1949 in Grinzing gegründet wurde und heute in der AGES im 22. Bezirk integriert ist, steht den Wiener Imkern des weiteren eine Stelle für Veterinärangelegenheiten, Qualitätskontrolle, Zucht und Forschung bereit. An der heutigen Imkerschule am Lehrbienenstand im Donaupark ist der Schwerpunkt in der Ausbildung von Anfängern in Theorie und Praxis gesetzt. Viele Vorträge werden in den Wiener Ortsgruppen gehalten, da die Wiener Imker sehr auf eine gediegene Weiterbildung wert legen.
Der Landesverband für Bienenzucht in Wien als Vereinigung der acht Ortsgruppen in Wien hat derzeit 420 Mitglieder, die über 4.000 Bienenvölker betreuen. Doch viele der Imker haben ihre Völker im Umkreis der Stadt aufgestellt, so dass nur ca. ein ¼ dieser Bienenvölker sich tatsächlich im Stadtgebiet befinden. Diese rund 1.000 Völker stehen größtenteils in Hausgärten, um dort für die Bestäubung der Fruchtgehölze zu sorgen. Aber auch in Kleingärten und in den Stadtwäldern und Auen finden sich Bienenstände. Galt früher die Bienenhaltung als Teil der Selbstversorgung, so zeigt heute die Struktur, dass die Bienenzucht überwiegend als Hobby (im Schnitt unter 10 Völker je Imker) von aktiven Pensionisten und Naturliebhabern geführt wird.
Desto wichtiger ist es die Anzahl der Bienenvölker auch in der Stadt zu erhalten, wenn nicht wieder zu vergrößern. Einen reichen Segen der Obstbäume ist – bei entsprechender Witterung – nur der Honigbiene zu verdanken. Sie bleibt einer Blütenart (z.B. Apfelblüte) in der gesamten Blütezeit treu und trägt damit zur sicheren Übertragung der Pollenkörner bei. Als Belohnung dafür bietet die Blüte den Bienen ihren Nektar an, der in unzähligen Ausflügen gesammelt wird. In den Bienenstock eingebracht, wird der Nektar von den Bienen zum köstlichem Honig verarbeitet. Der Imker betreut die Bienenvölker, damit sie sich optimal entwickeln können und hilft ihnen über schwierige Zeiten – Zeiten ohne Tracht in unserer ausgeräumten Kulturlandschaft – hinweg. Da ein Bienenvolk im Laufe des Jahres je über 40 kg Pollen und Honig selbst verbraucht, kann vom Imker nur der Überschuss geerntet werden. Doch auch Propolis – Baumharz das von Bienen zum Abdichten Ihrer Beutengesammelt wird – als auch das Wachs, wird vom Imker gewonnen und zu wertvollen Produkten weiterverarbeitet.
Viele Geheimnisse der Bienen sind nun allen Imkern bekannt, doch auch noch heute ist eine ständige Weiterbildung der Imker notwendig. Honig als wertvolles Lebensmittel bedarf heute einer sorgfältige Gewinnung und Behandlung durch den Imker. Beginnend mit der entsprechenden Völkerführung sorgt der Imker, dass nur reifer Honig geerntet wird und ohne Zusetzung oder Entnahme von Inhaltsstoffen der Konsument ein Naturprodukt erhält. Die Gewinnung von Honig in der Nähe des Verbrauchers - ist neben der Auswirkung der Bienenhaltung auf die heimische Natur – ein großes Argument gegenüber Honig mit langen Transportstrecken und oftmaliger Verarbeitung. Leider kommt es durch den weltweiten Handel zur Einbringung von fremden Schädlingen und Krankheiten die unsere Honigbienen gefährden. So hat die Varroamilbe als fremder Parasit seit den 70er-Jahren viele Bienenvölker zum absterben gebracht. Nur durch die ständige Beobachtung der Völker und spezielle Betriebsweisen des Imkers gelingt es, die vollständige Vernichtung der Bienenvölker vermeiden.
Da die Wiener Imker jeweils nur wenige Völker haben, ist ihr Honig nicht in den Lebensmittelketten vorhanden. Honig von Wiener Imkern findet man manchmal auf den Wochenmärkten oder den Weihnachtsmärkten. Meistens wird aber Honig direkt vom Imker an Freude, Bekannte und Nachbarn abgegeben. Viele Imker können nur als Geheimtipp für einen Honigbezug aus der näheren Umgebung genannt werden, da sie nicht so viel anbieten können. So ist es kein Nachteil, wenn sich interessierte Naturliebhaber finden und mit der Bienenhaltung anfangen. Einen Garten mit Abstand zu den Nachbarn, einen Raum für die Geräte und Begeisterung für die ungewöhnliche Art einer Tierhaltung reichen für den Anfang. Eine Grundeinschulung in die Imkerei erfolgt durch die halbjährlich veranstalteten Anfängerkurse des Verbandes; danach sollte ein Imkerpate aus der jeweiligen Ortgruppe der Mentor des Jungimkers sein. Bei der Beschaffung von Bienenvölkern und Beuten kann der Verein die richtigen Adressen mitteilen. Da nur sanfte Bienenvölker in der Stadt gehalten werden können, muss sich der Jungimker nicht vor Stichen fürchten; die richtige Verhaltensweise bei der Bienenarbeit wird dem Anfänger beigebracht. So kann man sich der Naturbegeisterung mit den Bienen hingeben, eigenen Honig ernten und der Stadtnatur die Möglichkeit geben, sich selbst zu einer blühenden und fruchtenden Umwelt zu entwickeln.
Wien, im April 2005
Josef Beier
